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Monday, November 15, 2010

A WALTER BOEHLICH LETTER TO INGEBORG BACHMANN


and for this bastard unseld who proved to be an extortionist crook i then worked for two years!



 

Ein Brief von Walter Boehlich an Ingeborg Bachmann

Es ging nicht mehr mit Unseld und mir

Im Dezember 1968, nachdem die Schlacht um Suhrkamp geschlagen ist, schreibt Walter Boehlich Ingeborg Bachmann diesen - bislang unveröffentlichten - Brief. Darin legt der unterlegene Cheflektor der Schriftstellerin seine Sicht der zurückliegenden Tage dar. Der Brief ist das bewegende Zeugnis eines brillanten Kopfes und gehört zweifellos ebenso in die Suhrkamp-Geschichte wie die anderen Dokumente der Suhrkamp-Chronik.


Liebe Ingeborg Bachmann,

ich bin jetzt mit dem Kopf wenigstens so weit aus dem Sumpf heraus, dass ich daran gehen kann, ein paar Briefe zu schreiben, die ich gern schon lange geschrieben hätte. Sie werden ein bisschen aus den Zeitungen erfahren, ein wenig vielleicht auch gehört haben und sich womöglich Gedanken machen. Aber was gewesen ist und was ist, können Sie nicht wissen. Wenn Sie es von mir nicht erfahren wollen, weil Sie mich am Ende für voreingenommen und nicht ganz zuverlässig halten, können Sie gut auch einen von denen fragen, die geblieben sind. Deren Meinung und deren Urteil brauche ich nicht zu scheuen. Also: es ging nicht mehr mit Unseld und mir.

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Er wollte einfach nicht mehr und hatte sich eingeredet, dass ich ihm seinen perfekt funktionierenden Verlag durcheinanderbrächte und sonst nichts mehr täte. Da hat er sich mit Walser einen schönen Plan ausgedacht, der mir zwar einen ruhigen Lebensabend gesichert, mir aber jeden Einfluss im Verlag genommen hätte. Eigensinnig wie ich bin hielt ich diesen Einfluss aber für notwendig. Ich habe mich auch nicht damit abfinden können, dass Unseld zwar mein Wissen und notfalls meine Arbeitskraft sich oder dem Verlag erhalten, meine Kritik aber nicht länger akzeptieren wollte. Zum Schluss gab es kaum noch etwas, worin wir übereingestimmt hätten, ganz gleich ob es sich um die innere Organisation des Verlages, um den Besuch der Leipziger Messe, sein Auftreten während der Frankfurter Messe, sein Wirken in allen möglichen Gremien, meine Arbeit und vor allem um die unüberbrückbare Kluft zwischen der Ideologie unseres Verlagsprogrammes und der Arbeitswirklichkeit des Verlages und seinem Handeln handelte.
Das, was Unseld so gern „meinen Fall“ nennt, war nur ein Teil der Auseinandersetzungen im Verlag. Die Lektoren, alle, hatten Gründe, eine affektive Demokratisierung der Entscheidungen aus der Grundlage von rationaler Diskussion unter Heranziehung unwiderleglicher Unterlagen zu fordern. Dem mochte Unseld, der sich nicht gern als Unternehmer, dafür umso lieber als den ersten und besten seiner Lektoren sieht, nicht zustimmen. Die Einigung, zu der es schließlich gekommen ist, steht bis jetzt aus dem Papier. Unseld muss zeigen, ob er Consequenzen aus ihr ziehen will und kann. Sie wäre ein Anfang, aber keineswegs das, was die Lektoren gewollt haben. Zu wenig und zu spät. Vor allem wollten wir die Zusammensetzung des Lektorats erhalten, alle weiter zusammenarbeiten. Das ging nicht mehr. Also traten vier Lektoren ab, der deutsche, der englische, der slavische und ich. Ersatz gibt's nicht, bis jetzt nicht und in der nächsten Zeit auch nicht.
Ein Ergebnis allerdings haben wir. Unseld hat, nach scheußlichen Auseinandersetzungen, die sogenannten Wettbewerbsklauseln, die die drei wichtigsten verbleibenden Lektoren in ihren Verträgen hatten, gestrichen. Diese Klauseln, die ich beschämend finde, besagten, dass Unseld die Möglichkeit gehabt hätte, diesen Lektoren bei Kündigung für ein, bzw. zwei Jahre die Hälfte ihres Gehalts (also rund 1.000 DM) hätte zahlen können, die Lektoren dann aber nicht eine vergleichbare Tätigkeit bei einem konkurrierenden Unternehmen hätten ausüben können. Solche Verträge hat Suhrkamp nicht gemacht.
Nun gut, das alles ließe sich hinnehmen, wenn es nicht zu Unselds Methoden gehörte, unsinnige Behauptungen zu verbreiten, um die Position derer zu schwächen, gegen die er handeln will. Sein beleidigendster Trick war die Mitteilung an zahlreiche Autoren, dass seine Lektoren nicht bereit seien, sich weiter für die etablierten Verlagsautoren einzusetzen. Sie alle hätten Sie allesamt zum alten Eisen geworfen und schwüren nur noch auf Leute wie Handke, Chotjewitz und wohl auch Cohn-Bendit. Am miserabelsten ist, mit Walsers Hilfe, Urs Widmer (das war der deutsche Lektor) behandelt worden, dem Unseld zuvor beinahe jeden entscheidenden Vorschlag abgelehnt hatte und dem dann gesagt worden ist, das deutsche Programm sei deplorabel. Richtig ist daran, dass die Lektoren im Gegensatz zu Unseld nicht bei den Autoren der frühen und mittleren fünfziger Jahre stehengeblieben sind, sondern starken Anteil an dem Neuen genommen haben. Aber dazu sind sie ja bezahlt worden; das war ihre Aufgabe. Das Elende dabei ist nur, dass Unseld diese Differenzen in die Öffentlichkeit gebracht hat, was keinem von uns je eingefallen wäre. Sicherlich, ich hatte Bedenken gegen den Gantenbein und gegen Biografie, aber das habe ich Frisch geschrieben, als die Manuscripte kamen, und damit basta. Unseld, um mich in ein schiefes Licht zu bringen, hat nun überall herumposaunt - und auch beim Spiegel-Becker (Rolf, der sich informieren kam) - ich hätte mich ihm gegenüber abfällig über den Gantenbein geäußert. Das hat Frisch lesen müssen, und mit ihm ein paar Millionen. Genau das ist es, was mich fassungslos vor Zorn macht. Was hat Frisch mit den Differenzen zwischen Unseld und mir zu tun? Musste er hineingezogen werden? Musste er, nur um eines widerwärtigen Schachzuges wegen, in die größte Unruhe versetzt werden?
Das Übrige, Vergleichbare, stört mich weniger. Unselds letzte Version ist, den Autoren seien meine radikalen Ansichten über Literatur eben allzu bekannt gewesen und sie hätten gesagt, mit mir gehe es nicht weiter. Befragt, welche Autoren das denn gewesen seien, hat er nicht geantwortet. Er konnte auch nicht antworten, denn meine radikalen Ansichten über Literatur sind seine eigene Erfindung. Sie müssen das wissen, denn wir werden einander je wieder einmal begegnen. Vor ein paar Monaten hatten wir ein Gespräch zu dritt, Unseld, Walser und ich. Da ging es um die Frage, wie der Verlag weiter entwickelt werden solle und könne. Ich habe zu erklären versucht, dass die Rolle der „schönen“ Literatur sowohl innerhalb der Meinungsbildung als auch als Marktfaktor ständig zurückgehe, dass wir also das Schwergewicht des Verlages weiter auf die Gesellschafts- und auch auf die Naturwissenschaften verlagern müssten. Von da kam das Gespräch auf das, was in der Literatur geschehe und in der letzten Zeit geschehen sei. Also habe ich gesagt, dass die bürgerliche Literatur tot sei, was Jahrzehnte nach der Feststellung, dass Gott (der auch ein bürgerlicher Gott war) tot sei, niemanden überraschen könne, dass sich aber eine neue Literatur zu entwickeln scheine, von der noch niemand genau wisse, worauf sie hinausliefe und wie sie einmal aussehen werde, dass wir für diese sich entwickelnde Literatur mehr tun müssten als bisher, wo wir fast schon den Anschluss an die „Jungen“ verloren hätten. Dann sprachen wir wieder über die Consequenzen der „Verwissenschaftlichung“ des Verlages, von denen eine, habe ich gesagt, die sei, dass die dominierende Rolle, die bisher einige literarische Autoren gespielt hätten, abgeschafft werden würde. Der Verlag werde dann eben nicht mehr der von Brecht und Frisch und Walser und Johnson so sein, sondern ein ganz anderer, in dem freilich auch die Werke der genannten Autoren veröffentlicht würden. Daraus ist in Unselds schönem und präzisem Deutsch geworden: Boehlich hat gesagt: Die Literatur ist tot. Die Autoren gehören abgeschafft!
Gut, mir ist das zu dumm, und ich traue keinem intelligenten Menschen zu, dass er mir das zutraut (obwohl ich mich da leider getäuscht habe). Ich will niemanden abschaffen (wenn auch gewisse Verhältnisse) und bin selbstbewusst genug, davon überzeugt zu sein, dass ich etwas besser beurteilen kann, was in der Literatur geschehen ist, geschieht und geschehen wird, als Unseld. Was sonst noch alles gewesen ist, das müssen Sie sich halt einmal an Ort und Stelle erzählen lassen, von der „Verfassung“ bis zu dem trickreichen 600.000 DM-Angebot. Wann kommen Sie denn? Und schliesslich: wie geht es dem, was Sie schreiben? Die Hoffnung, nach Rom kommen zu können, um es zu sehen, ist zerstört, aber je voudrais savoir ...
Viele schöne Grüsse
Text: Autorenstiftung Frankfurt am Mainhttp://handke-magazin.blogspot.com/2010/06/handke-magazine-is-over-arching-site.html

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